Gefleckter Schmalbock (Strangalia maculata, Rutpela maculata, Leptura maculata)
Der Gefleckte Schmalbock ist mit seiner Größe von 14-20 mm und der ins Auge springenden gelben Färbung der Flügeldecken mit dem kontrastreichen schwarzen Muster einer der auffälligsten Käfer in unseren heimischen Ökosystemen. Der Gefleckte Schmalbock gehört zur Familie der Bockkäfer (Cerambycidae) und hier zur Unterfamilie der Schmalböcke (Lepturinae). Den Namen Bockkäfer trägt diese Familie, aufgrund ihrer Haltung der meist langen, fadenförmigen, häufig knotigen Fühler. Die Fühler werden gewöhnlich nach hinten gerichtet getragen, ähnlich den Hörnern des Ziegenbocks.[2]

Die Käferarten aus der Familie der Bockkäfer (Cerambycidae) tragen häufig die langen, fadenförmigen Fühler nach hinten gerichtet. Ihre Stellung ähnelt dann der Hornhaltung von Ziegenböcken.[2] (Links: Gefleckter Schmalbock (Rutpela maculata) auf den Blüten des Wiesenbärenklaus (Heracleum sphondylium), rechts: Kleiner Schmalbock (Stenurella melanura auf Blüten der Acker-Witwenblume (Knautia arvensis)). Fotos: M. Neitzke

Die nach hinten gerichtete Stellung der Hörner eines Ziegenbocks hat zur Namensgebung der Familie der Bockkäfer animiert. Einem juckenden Fell kann nicht nur unter zu Hilfename der langen Hörner Abhilfe geschaffen werden. Auch ein Baumstumpf kann an schwer erreichbaren Körperstellen sehr nützlich sein. Fotos: M. Neitzke
Im Gegensatz zu allen übrigen Schmalböcken sind die Fühler des Gefleckten Schmalbocks gelb-schwarz geringelt.[1, 6, 7, 9] Namengebendes Kennzeichen der Vertreter der Unterfamilie der Schmalböcke (Lepturinae) ist der meist schlanke Körperbau. Die gelbe Grundfarbe der Flügeldecken mit dem Muster aus schwarzen Flecken und Querbinden erinnert entfernt an die schwarz- gelbe Zeichnung von Wespen. Der harmlose Bockkäfer tarnt sich als wehrhafte Wespe, um sich vor Fressfeinden zu schützen. Der Gefleckte Schmalbock stellt also ein Beispiel für eine Wespenmimikry im Reich der Käfer dar.[5] In der Biologie wird die Nachahmung des Erscheinungsbildes bestimmter Tiere und Pflanzen durch andere nicht mit ihnen verwandter Tiere und Pflanzen als “Mimikry“ bezeichnet. Dieser Begriff kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Nachahmung/Nachbildung“. Ahmen harmlose Tiere in ihrem Aussehen oder auch Verhalten wehrhafte Tiere nach, wie in unserem Fall der Gefleckte Schmalbock eine Wespe, so spricht man auch von einer „Batesschen Mimikry“. Die Bezeichnung dieser Form der Mimikry geht auf die Entdeckungen des englischen Naturforschers und Evolutionsbiologen Henry Walter Bates (1825-1892) zurück. Die Zeichnung des Gefleckten Schmalbocks ist allerdings sehr variabel. So können neben den gemusterten Exemplaren auch nahezu einfarbige Vertreter, in fast schwarz oder hell vorkommen.[4, 7, 9] Das auffällige Fleckenmuster der zweifarbigen Exemplare ist jedenfalls für den wissenschaftlichen Artnamen und den deutschen Trivialnamen verantwortlich. In allen 3 wissenschaftlichen Synonymen für den Gefleckten Schmalbock „Rutpela maculata“, „Leptura maculata“, „Strangalia maculata“ lautet der Artzusatz „maculata“, was übersetzt „gefleckt“ bedeutet.

Das Muster aus schwarzen Flecken und durchgehenden Binden auf den gelben Flügeldecken des Gefleckten Schmalbocks (links) erinnert an das schwarz-gelbe Muster einer Wespe (Gemeine Wespe (Vespula vulgaris), rechts). Diese Nachahmung einer gefährlichen Wespe, wird als Versuch, seine Fressfeinde zu täuschen, interpretiert. Der Gefleckte Schmalbock ist also ein Beispiel für eine Wespenmimikry im Käferreich. Fotos: M. Neitzke
Auch die gelben Beine weisen eine schwarze Zeichnung auf. An den Hinterschienen der Beine der Männchen sitzen an der Innenseite 2 große Zähne.[9]

Charakteristisch für den Gefleckten Schmalbock (Rutpela maculata) sind der schmale Körperbau und die gelben Flügeldecken mit dem schwarzen Flecken- und Streifenmuster. Von allen anderen Bockkäferarten unterscheidet er sich vor allem durch gelb-schwarz geringelten Fühler. Foto: M. Neitzke

Wenn der Gefleckte Schmalbock zum Flug abhebt, wie hier auf der Dolde des Kümmels (Carum carvi) sind deutlich die beiden unterschiedlichen Flügelpaare der Käfer zu erkennen. Das vordere Paar Flügel ist zu harten Deckflügeln (Elytren) umgewandelt. Es wird nicht mehr zum Fliegen benötigt, sondern dient ganz dem Schutz des Hinterleibes und des hinteren, empfindlichen, häutigen Flügelpaares (Alae), das dem Fliegen dient. In der Ruhestellung bedecken die Deckflügel das hintere Flügelpaar, welches unter ihnen zusammengefaltet ist. Vor dem Abfluge werden die Deckflügel schräg hochgestellt, so dass sich die häutigen Hinterflügel entfalten können.[4] Fotos: M. Neitzke
Die erwachsenen Käfer ernähren sich von Pollen und Nektar. Die meisten Käferarten spielen als Bestäuber nur eine geringe Rolle, weil sie vor allem die zarten Blütenteile und den Pollen fressen. Ihr Blütenbesuch schadet den betroffenen Pflanzen oft mehr als das er ihnen nützt. Andere Arten dagegen, so auch der Gefleckte Schmalbock, spielen durchaus eine wertvolle Rolle als Bestäuber. Der Gefleckte Schmalbock beschränkt sich nämlich bei seinem Blütenbesuch auf die Aufnahme von Nektar und Pollen.[11] Da seine Mundwerkzeuge nur kurz sind, ist er für die Nahrungsaufnahme auf Blüten mit leicht zugänglichem Nektar und Pollen angewiesen. Die Unterkiefer des Gefleckten Schmalbocks tragen dichte Haarbüschel, die zum Aufnehmen des Pollens und dem kapillaren Aufnehmen des Nektars dienen. [3, 11] Da bei den Doldenblütengewächsen (Apiaceae) der Nektar frei dargeboten wird, ist der Gefleckte Schmalbock häufig auf Arten dieser Familie anzutreffen. Bei den Doldengewächsen trägt der unterständige Fruchtknoten am oberen Ende unter den Griffeln ein polsterförmig aufgewölbtes Gewebe, das Nektar produziert. Diese nektarproduzierende Drüsengewebe wird entweder nach seiner Funktion als Nektarium oder nach seinem Aussehen als Griffelpolster oder Diskus bezeichnet. Der Nektar muss von den blütenbesuchenden Insekten nur noch „abgeleckt“ werden. Eine große Anziehungskraft üben auch Arten der Korbblütengewächse (Asteraceae) mit kurzen Kronröhren auf den Gefleckten Schmalbock aus, da in ihnen der Nektar kapillar aufsteigen kann. Hier erntet er auch den aus den Staubblattröhren herausgedrückten Pollen.

Der Wiesenbärenklau (Heracleum sphondylium) wird häufig von dem Gefleckten Schmalbock besucht. Der Käfer „leckt“ den offen dargebotenen Nektar von dem Drüsengewebe (Diskus) auf der Oberseite des Fruchtknotens. Während er auf der Suche nach Nahrung über die Oberfläche der Döldchen läuft, streift er den Pollen mit seinem Körper ab. Fotos: M. Neitzke

Auch bei den Blüten des Blutroten Hartriegels (Cornus sanguinea) wird der Nektar durch ein nektarabsonderndes Drüsengewebe auf dem unterständigen Fruchtknoten offen dargeboten und ist so für den Gefleckten Schmalbock leicht zugänglich. Die Blüten der zu den Korbblütengewächsen gehörenden Schafgarbe (Achillea millefolium) bietet Nektar und Pollen.[8] Fotos: M. Neitzke

Die Röhrenblüten der Wiesenmargarite (Leucanthemum vulgare) bieten sowohl Nektar als auch Pollen. Deutlich ist zu erkennen, dass die Blüten am Rand des Körbchens zuerst aufblühen. Ein einzelner Blütenstand kann durch das sukzessive Aufblühen der einzelnen Blüten die Insekten über einen langen Zeitraum mit Nahrung versorgen. Fotos: M. Neitzke

Auch die Blütenköpfe der Geruchlosen Kamille (Tripleurospermum inodorum) werden häufig von dem Gefleckten Schmalbock aufgesucht, da die Blüten reichlich Pollen und Nektar zu bieten haben. Fotos: M. Neitzke

Ein Gefleckter Schmalbock besucht die Blüten eines Brombeerstrauches (Rubus fruticosus) zusammen mit einer Honigbiene. Fotos: M. Neitzke

Der Gefleckte Schmalbock frisst bei seinem Besuch der Zaunwindenblüte (Calystegia sepium) den Pollen sowohl von der Wand der Blütenkrone, auf die stürmische Blütenbesucher diesen zuvor verstreut haben, als auch direkt aus den Staubbeuteln. Fotos: M. Neitzke
Die erwachsenen Tiere leisten bei ihren ausgiebigen Pollen- und Nektarmahlzeiten, während derer sie auf den Blütenständen herumspazieren, wertvolle Bestäubungsdienste. Die Larven der Bockkäfer, entwickeln sich in morschen Waldbäumen und Sträuchern, alten Baumstubben, verrottenden Wurzeln und Brandholz und leisten dabei einen wertvollen Beitrag zur Zersetzung von totem organischem Material und dem Nährstoffkreislauf in Waldökosystemen.[2, 6, 7, 9]

Der Gefleckte Schmalbock gehört zu den am häufigsten zu beobachtenden Käfern auf dem Giersch (Aegopodium podagraria). Durch den Transport von Pollen von einem Blütenstand zum nächsten leistet er seinen Beitrag zur Bestäubung der Gierschblüten. Fotos: M. Neitzke
Im Juni bis Juli, teilweise auch noch im August, findet die Paarung des Gefleckten Schmalbocks statt. Hierzu werden die Nahrungspflanzen nicht verlassen, meistens wird sogar noch nicht einmal die Mahlzeit unterbrochen.

Aber nicht nur zum Fressen, auch zur Partnersuche und Paarung werden die Dolden des Giersch (Aegopodium podagraria) aufgesucht. Fotos: M. Neitzke

Aber auch die erfolgreiche Partnersuche und eine erfolgreiche Paarung hält die Käfer, vor allem die Weibchen nicht vom Fressen ab. Fotos: M. Neitzke

Multitasking ist nicht jedermanns Sache. Ein falscher Schritt und die Paarung wird jäh unterbrochen und die Beteiligten landen eine Etage tiefer. Fotos: M. Neitzke

Auch die Geruchlose Kamille dient nicht nur als reichhaltiges Buffet, sondern auch als Partnerbörse. Hat "Käfer" einen möglichen Partner erspäht, kann “Käfer“ ja schon mal durch Winken auf sich aufmerksam machen. Fotos: M. Neitzke

Dann nichts wie los (links). Das Treffen verläuft erfolgreich (rechts). Fotos: M. Neitzke

Während der Paarung „leckt“ das Männchen den Kopf des Weibchens (links) und umschließt mit seinen Mundwerkzeugen das unterste Antennenglied des Weibchens (rechts). Fotos: M. Neitzke
Gelegentlich können Individuen aus unterschiedlichen Gattungen oder gar Unterfamilien versuchen, sich zu paaren.[10]

Dem Kleinen Halsbock gelingt eine nahezu perfekte Punktlandung auf dem deutlich größeren Gefleckten Schmalbock, der der Nahrungsaufnahme auf den Blüten des Wiesen-Bärenklaus (Heracleum sphondylium) nachgeht. Sollte es sich hierbei um einen Paarungsversuch handeln, so wird die peinliche Verwechselung nach einigen vergeblichen Bemühungen bemerkt. Fotos: M. Neitzke

Da bleibt nur die rasche und unauffällige Entfernung vom Ort der blamablen Verwechselung. Fotos: M. Neitzke
Der Gefleckte Schmalbock fliegt von Mai bis August. Er ist in Süd- und Mitteleuropa weit verbreitet. In Mitteleuropa ist er einer der häufigsten Bockkäferarten. Im Norden reicht seine Verbreitungsgrenze bis Mittelnorwegen und Mittelschweden, im Osten verläuft sie durch den Kaukasus, Klein- und Vorderasien.[9]
Literatur:
- Bellmann, H. (1999): Der neue Kosmos-Insektenführer. Kosmos-Naturführer, Franckh-Kosmos, Stuttgart, 446 S.
- Brauns, A. (1976): Taschenbuch der Waldinsekten. Band 1 Systematik und Ökologie. Gustav Fischer Verlag, Stuttgart, 3. Aufl., 443 S.
- Fuchs, G.-V. (1974): Die Gewinnung von Pollen und Nektar bei Käfern. Natur u. Museum, 104: 45-54.
- Harde, K. W., Helb, M. & K Elzner (2021): Der Kosmos Käferführer. Franckh-Kosmos, Stuttgart, 364 S.
- Heikertinger, F. (1921): Die Wespenmimikry oder Sphekoidie. Zool. Bot. Ges. Österreich., 70: 316-385.
- http://www.insektenbox.de
- https://arthropodafotos.de
- https://www.biodiverisität-und-schönheit.de
- https://www.natur-in- nrw.de
- Klausnitzer, B., Klausnitzer, U., Wachmann, E. & Z. Hromádko (2016): Die Bockkäfer Mitteleuropas – Cerambycidae. Band 1: Biologie und Bestimmung. 3. Aufl., Die Neue Brehm-Bücherei, Bd. 499, Verlags KG Wolf.
- Kugler, H. (1970): Blütenökologie, Gustav Fischer Verlag, Stuttgart, 2. Aufl. 345 S.
