Großer Wollschweber (Bombylius major) – Flugkünstler wie ein Kolibri
Steckbrief:
Länge: Größe 8-14 mm;
Rüssellänge: 1 cm
Färbung: gedrungene, stark pelzig behaarte, braune Fliege
Artbeschreibung:
Der Große Wollschweber (Bombylius major) gehört zur Familie der Wollschweber (Bombyliidae) aus der Ordnung der Zweiflügler (Diptera). Wie der Name schon verrät, handelt es sich um dicht pelzig behaarte Fliege, die auf den ersten Blick an eine Hummel erinnert. Sie wird daher im Volksmund auch oft als Hummelschweber bezeichnet. Auch der gedrungene, braun behaarte, 8-14 mm lange Körper ähnelt dem Körperbau einer Hummel.[5] Die Färbung der Flügel ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal der in Mitteleuropa vorkommenden Wollschweberarten. Die Flügel des Großen Wollschwebers weisen an ihrem Vorderrand eine durchgehende, dunkelbraune gezackte Binde auf, die zur Flügelspitze hin schmaler wird.[6] In Ruhe werden die Flügel seitlich weg gestreckt. Der verhältnismäßig kleine, flache Kopf wird von den großen Facettenaugen dominiert. Während diese bei den Männchen eng aneinanderstoßen, sind sie bei den Weibchen durch die Stirn deutlich voneinander getrennt. Das Gesicht ist dicht hell beige behaart. Die kurzen, dunklen Fühler sind nach vorne gerichtet. Im Flug zeigt der Große Wollschweber eine charakteristische Haltung der langen rotbraunen, mit Borsten besetzten Beine. Während die Hinterbeine im Flug nach hinten oben gestreckt werden, weisen das vordere und mittlere Beinpaar nach vorne. Neben der pelzigen Behaarung ist aber der fast körperlange, stilettartige, starr nach vorne gerichtete, etwa 1 cm lange Saugrüssel, das auffälligste Merkmal. Die Wollschweber können ihren Rüssel nicht zusammenklappen und einziehen, sondern müssen ihn stets ausgestreckt tragen.[8] Dieser lange Saugrüssel ermöglicht den Wollschwebern auch den Nektar auszubeuten, der am Grunde von langen Kronröhren abgeschieden wird und anderen kurzrüsseligen Insekten nicht zugänglich ist.[8]

Ein Männchen (links) und ein Weibchen (rechts) des Großen Wollschwebers sonnen sich auf einem Blatt. Die Augen der Männchen stehen deutlich enger beieinander als die der Weibchen. Fotos: M. Neitzke
Lebensweise:
Trotz seines plumpen Körpers ist der Große Wollschweber ein ausgezeichneter, flinker und geschickter Flieger. Wie die Schwebfliegen, kann er sich dank extrem schneller Flügelschläge an einer Stelle schwebend in der Luft halten. Er ist so in der Lage, ähnlich einem Kolibri freischwebend vor einer Blüte zu stehen und mit seinem langen Rüssel den Nektar aus den Blüten zu saugen.[8, 11] Oft halten sie sich bei der Nahrungsaufnahme aber auch mit ihren langen Beinen an den Blüten fest.[8] Aber nicht nur Nektar steht auf der Speisekarte des Großen Wollschwebers, sie sind auch in der Lage Pollen zu fressen. Die Männchen fressen deutlich weniger Pollen als die Weibchen.[5] Vitamin- und eiweißreicher Pollen ist für die Weibchen besonders wichtig. Der dünne Rüssel ist so fest, dass er auch zum Einstelchen in lockeres Blütengewebe benutzt werden kann.[8] Der Große Wollschweber ist ein eifriger Blütenbesucher, der ein breites Spektrum an Pflanzenarten besucht. Aufgrund seines langen Saugrüssels (≈ 10 mm) vermag der Große Wollschweber auch Blüten mit tief geborgenem Nektar auszubeuten, darunter auch Formen mit sehr engen Kronröhren, die sonst nur Schmetterlingen zugänglich sind. Auch Blüten bei denen der Nektar am Grunde eines langen Sporns geborgen ist, wie z.B. bei den zahlreichen Veilchenarten (Viola spec.), und die daher für nektarsuchende Insekten eine besondere Herausforderung darstellen werden von dem Großen Wollschweber oft besucht. Bei ihren Blütenbesuchen leisten sie wichtige Bestäubungsarbeit.
Bei den Blüten den März-Veilchens (Viola odorata) ist der Nektar am Ende eines 1-2 cm langen Sporns geborgen. Mit Hilfe seines langen Rüssels ist der Große Wollschweber in der Lage diesen zu erreichen. Foto: M. Neitzke

An den Nektar der Blüten des Finger-Lerchensporns (Corydalis solida) können, aufgrund ihrer Länge, nur wenige Insekten auf normalem Wege gelangen. Die meisten begehen Nektarraub. Die Blüten sind 10-20 mm lang. Etwa die Hälfte entfällt auf einen langen, am Ende abwärtsgebogenen Sporn, der von dem oberen Blütenblatt gebildet wird. In diesen Sporn wird der Nektar abgeschieden. Da sich dieser höchstens bis auf 4-5 mm mit Nektar füllt, können nur Insekten mit einem langen Rüssel an den Nektar gelangen.[9] Neben dem Großen Wollschweber verfügt auch die Frühlings-Pelzbiene (Anthophora plumipes) über einen Rüssel, der die notwendige Länge aufweist. Fotos: M. Neitzke

Beim Anflug des Großen Wollschwebers auf die Röhrenblüten des Echten Lungenkrauts (Pulmonaria officinalis) ist die typische Beinhaltung des Großen Wollschwebers gut zu erkennen. Fotos: M. Neitzke D

Die Länge der Blütenkronröhre der Echten Schlüsselblume (Primula veris) beträgt 12-17 mm. Der Nektar wird von der Basis des Fruchtknotens abgesondert. Um den Nektar aus den Blüten saugen zu können, müssen die Insekten über einen entsprechend langen Rüssel verfügen, wie der Große Wollschweber. Fotos: M. Neitzke

Aufgrund der 1-2 cm langen Blütenkronröhre können nur Insekten mit einem entsprechend langem Rüssel, wie z.B. der Große Wollschweber an den Nektar am Grund der Blüten des Echten Gundermanns (Glechoma hederacea) gelangen.[3] Foto: M. Neitzke

Mit seinem etwa 10 mm langen Rüssel kann der Große Wollschweber auch in enge Kronröhren, die sonst nur Schmetterlingen zugänglich sind, eindringen.[8] Die schmalen Blütenkronöffnungen des Wald-Vergissmeinnichts (Myosotis sylvatica), die er zielsicher ansteuert, sind somit für ihn keine Herausforderung.[3] Fotos: M. Neitzke

Die 2,5-3 cm ø großen blauen Blüten des Kleinen Immergrüns (Vinca minor) fallen durch ihre propellerförmigen, asymmetrischen Kronblattzipfel auf. Sie bieten einen bequemen Landeplatz für die blütenbesuchenden Insekten. Diese müssen allerdings, wie der Große Wollschweber über einen langen Rüssel verfügen, da der Nektar am Grund der 11 mm langen Kronröhre abgeschieden wird.[1] Fotos: M. Neitzke

Zielsicher findet der Große Wollschweber die enge, durch einen weißen gezackten Rand abgesetzte, Öffnung der krugförmigen, kräftig blauen Blüten der Armenische Traubenhyazinthe (Muscari armeniacum). Die Heimat der Armenische Traubenhyazinthe ist der östliche Mitteleerraum und Vorderasien. Seit spätestens 1870 wird sie bis uns in den Gärten als Zierpflanze kultiviert. Da die Länge der Blüten zwischen 3,5 und 5,5 mm schwankt, können auch Insekten mit einem kürzeren Rüssel als der Große Wollschweber von dem Nektarnagebot profitieren. Fotos: M. Neitzke

Leicht zugänglichen Nektar bieten auch die Blüten der Schlehe (Prunus spinosa).[3] Fotos: M. Neitzke

Auch die Vogelkirsche (Prunus avium) mit einem ähnlichen Blütenaufbau wie die Schlehe wird häufig von dem Großen Wollschweber aufgesucht. Fotos: M. Neitzke

Gezielt steuert der Große Wollschweber nacheinander die zahlreichen, zu einem Körbchen zusammengefassten Blüten des Gemeinen Löwenzahns an. Der Nektar wird am Grund des Fruchtknotens von einem Drüsengewebe abgeschieden und steigt in den engen, kurzen Blütenkronröhren kapillar empor. Fotos: M. Neitzke

Bei den sternförmig angeordneten, goldgelben, vermeintlichen Kronblättern des Frühlingsscharbockkrauts (Ficaria verna) handelt es sich um Nektarblätter. An der Basis der Nektarblätter befindet sich unter der Nektarschuppe verborgen die Nektargrube, die den Nektar enthält. Für langrüsselige Insekten, wie den Großen Wollschweber ist es ein leichtes an den unter der Schuppe verborgenen Nektar zu gelangen. Fotos: M. Neitzke.

Bei den Blüten des Bär-Lauchs (Allium ursinum) wird der Nektar von den Scheidewänden des Fruchtknotens abgesondert. Er sammelt sich dann am Grund der Blüte und wird somit offen für die blütenbesuchenden Insekten dargeboten.[8] Neben dem Großen Wollschweber können also auch viele kurzrüsselige Insekten von dem Nektarangebot der Blüten des Bärlauchs profitieren. Fotos: M. Neitzke

Die Blüten des Busch-Windröschens (Anemone nemorosa) produzieren keinen Nektar. Sie haben für die blütenbesuchenden Insekten nur Pollen im Angebot, davon aber reichlich. Fotos: M. Neitzke

Auch die goldgelben, an Hahnenfußblüten erinnernden, Blüten des Gelben Windröschens (Anemone ranunculoides) werden wegen ihres reichen Pollenangebotes von dem Großen Wollschweber aufgesucht. Fotos: M. Neitzke
Der Große Wollschweber besucht auch unsere Obstbäume, wie beispielsweise Apfelbäume, und beteiligt sich an ihrer Bestäubung. Foto: M. Neitzke
Fortpflanzung:
Während sich die erwachsenen Tiere von Nektar und Pollen ernähren und eifrige Blütenbesucher sind, benötigen ihre Larven für ihre Entwicklung tierisches Eiweiß. Die Larven des Großen Wollschwebers entwickeln sich als Brutparasiten. Der Große Wollschweber parasitiert ein breites Spektrum von Sandbienenarten (Andrena spec.), u.a. die Gesellige Sandbiene (Andrena scotica), die Zweifarbige Sandbiene (Andrena bicolor), die Rotfransige Sandbiene (Andrena haemorrhoa), die Goldbeinige Sandbiene (Andrena chyrsosceles) und die Rotbeinige Lockensandbiene (Andrena clarkella).[11] Es können jedoch auch Grabwespen sowie einige Eulenfalterarten parasitiert werden.[5] Das Weibchen der Großen Wollschwebers wirft seine blassgelben, reiskörnförmigen, etwa 0,5 mm großen Eier im Flug mehr oder weniger gezielt vor die Eingänge der Nester der Wildbienen.[5, 6] Nach dem Schlüpfen kriechen die anfangs sehr beweglichen Larven mit ihren fünf Beinchenpaaren in das Bodennest des Wirtes und dringen in die Brutzellen des Wirtes ein.[5, 7, 10] Dort ernähren sie sich zunächst vom Bienenbrot (Futterbrei: Pollen-Nektar-Mischung), das als Proviant für den Wildbienennachwuchs dienen sollte.[5, 10] Nach etwa zwei bis drei Wochen Entwicklungszeit und mehreren Häutungen verwandeln sich die Larven in dicke, fast unbewegliche, fuß lose Maden die sich nun an die Larven der Wildbienen anheften und sie von außen aussaugen.[5, 10 ] Die Larve des Großen Wollschwebers verpuppt sich innerhalb des Bienenkokons und überdauert den Winter als Puppe.[10,11] Im folgenden Frühjahr verlässt sie bewegliche Puppe das Nest und begibt sich an die Erdoberfläche. Die Befreiung aus dem Kokon gelingt ihr Dank einer Krone aus starken, spitzen Zähnen an ihrem Vorderende. Diese Werkzeuge ermöglichen es ihr, durch rotierende Bewegungen des ganzen Körpers in den Kokon und die Brutzelle eine Öffnung zu schneiden. Mit Hilfe zusätzlicher Borsten am Hinterleib gelingt es ihr, sich aus der Brutzelle oder dem Nest nach außen zu arbeiten. An einer geeigneten Stelle verharrt sie, bis nach wenigen Minuten die Puppenhaut reißt und der erwachsene Wollschweber ausschlüpft.[7, 11] Dies ist bei uns meist im April der Fall. Kurz nach dem Schlüpfen beginnen sich die Wollschweber zu paaren. Die Paarung kann einige Minuten dauern. Zwischen den recht standorttreuen Männchen kommt es oft zu Luftkämpfen, wenn ein Männchen in das Revier eines anderen eindringt.[10] Die Großen Wollschweber fliegen in nur einer Generation pro Jahr.[2] Die Lebensdauer der erwachsenen Tiere beträgt nur wenige Wochen. Die Flugzeit dauert von März bis August.[6]

Die Zweifarbige Sandbiene (Andrena bicolor) (links) und die Rotfransige Sandbiene (Andrena haemorrhoa) (rechts) werden von den Larven des Großen Wollschwebers (Bombylius major) parasitiert. Fotos: M. Neitzke
Verbreitung:
Der Große Wollschweber ist in ganz Europa, Asien, Nordafrika und Nordamerika verbreitet.
Literatur:
- Düll, R. & H. Kutzelnigg (1994): Botanisch-ökologisches Exkursionstaschenbuch. 5. Aufl., Quelle & Meyer, Heidelberg, Wiesbaden, 590 S.
- https://arthropodafotos.de
- https://www.biodiversität-und-schönheit.de
- https://www.insektenbox.de
- https://www.insekten-sachsen.de
- https://www.naturspaziergang.de
- https://www.wildbienen.de
- Kugler, H. (1970): Blütenökologie, Gustav Fischer Verlag, Stuttgart, 2. Aufl. 345 S.
- Müller, H. (1873): Die Befruchtung der Blumen durch Insekten. Leipzig.
- Sage, W. (2021): Großer Wollschweber Bombylius major und Gefleckter Wollschweber Bombylius discolor in der Erlacher Aue. Mitt. Zool. Ges. Burnau, 13: 239-244.
- Westrich, P. (2018): Die Wildbienen Deutschlands. Ulmer, Stuttgart, 821 S.
