Große Narzissenschwebfliege (Merodon equestris) –

eine „besondere“ Freundin der Narzissen 

Artbeschreibung:


Die Große Narzissenschwebfliege (Merodon equestris) aus der Familie der Schwebfliegen (Syrphidae) ist ein faszinierendes Beispiel für gleich drei Besonderheiten innerhalb der Insektenwelt: das Auftreten verschiedener Erscheinungsformen innerhalb einer Art (Polymorphismus), das Phänomen der Mimikry und die Erschließung einer exklusiven Nahrungsnische durch ihre Larven.


Mit einer Körperlänge von 11-15 mm gehört die Narzissenschwebfliege zu den mittelgroßen Schwebfliegen. Durch ihre dichte, pelzige Behaarung ahmt sie das Aussehen von Hummeln nach. Eine Besonderheit der Narzissenschwebfliege ist die Erscheinung, dass sie in verschiedenen Farbvarietäten vorkommt. Üblicherweise werden 7 unterschiedliche Farbvarianten unterschieden.[2, 4, 5, 6, 7] Neben Tieren mit zweifarbiger Brustoberseite (vorne gelb, rostrot oder weißlich, hinten schwarz) und gemustertem Hinterleib, treten auch Varianten mit einfarbig gelb-brauner oder schwarzer Brustoberseite und buntem oder einfarbigen Hinterleib auf. So kann der im Vergleich zu den nachgeahmten Hummeln etwas verlängerte Hinterleib einfarbig weißlich, gelblich oder rostrot behaart sein. Es treten aber auch Farbvarianten mit einem roten Hinterende oder einem schwarzen Querband auf dem 3. Hinterleibsabschnitt auf.[7, 8] Gelegentlich werden auch einfarbig schwarze Tiere beobachtet. Je nach Farbmuster der Brustoberseite und des Hinterleibes ähnelt die Narzissenschwebfliege unterschiedlichen Hummelarten. Die Ähnlichkeit zwischen der Färbung und der Gestalt zweier Organismen, die zu verschiedenen Arten gehören wird in der Biologie als „Mimikry“ bezeichnet. Das Nachahmen eines wehrhaften Vorbildes, in diesem Fall von Hummeln, soll einen besseren Schutz vor Feinden zu Folge haben.[1] Der Begriff "Mimikry" kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Nachahmung/Nachbildung“. Ahmen harmlose Tiere in ihrem Aussehen oder auch Verhalten wehrhafte Tiere nach, wie viele Schwebfliegen, so spricht man auch von einer „Batesschen Mimikry“. Die Bezeichnung dieser Form der Mimikry geht auf die Entdeckungen des englischen Naturforschers und Evolutionsbiologen Henry Walter Bates (1825-1892) zurück. Die Narzissenschwebfliege stellt mit der Nachahmung verschiedener Hummelarten durch unterschiedliche Farbvarianten innerhalb einer Art ein sehr eindrückliches Beispiel für die sog. „Hummel-Mimikry“ dar.

Die Narzissenschwebfliege (Merodon equestris) kommt in verschiedenen Farbvarianten vor. Neben Tieren mit zweifarbiger Brustoberseite und buntem Hinterleib (links) treten auch Varianten mit einfarbig gelblich-brauner oder schwarzen Brustoberseiten und einfarbigem Hinterteil (rechts) auf. Fotos: M. Neitzke

Die Narzissenschwebfliege in der Varietät „bulborum“ (Merodon equestris var. bulborum) ist eine Art mit zweifarbiger Brustoberseite (oben). Der größte Teil der Brustoberseite sowie das Schildchen sind schwarz. Am Hals weist sie ein weißliches Querband auf. Mit dem schwarzen Hinterleib und dem rostroten Hinterleibsende sowie dem hellen Kragen ähnelt diese Farbvariante der Arbeiterin einer Wiesenhummel (Bombus pratorum, links) und dem Männchen einer Steinhummel (Bombus lapidarius, rechts). Fotos: M. Neitzke


Bei der Farbvariante Merodon equestris var. flavicans ist die Brustoberseite und der Hinterleib einfarbig behaart. Mit der rostrot behaarten Brustoberseite und dem weißlichen Hinterteil ähnelt sie einer Ackerhummel (Bombus pascuorum). Foto: M. Neitzke

Im Verhältnis zu dem plumpen Körper erscheint der Kopf mit der markanten weißen Gesichtsbehaarung relativ klein. Auffällig ist auch die helle Behaarung der Augen. Die Fühler sind braun und die Stirn gelblich behaart. Das Gesicht ist am Mundrand vorgewölbt.[7]


Die großen Facettenaugen der Narzissenschwebfliege (Merodon equestris) sind hell behaart. Foto: M. Neitzke


Die Stirn der Narzissenschwebfliege (Merodon equestris) ist gelblich behaart. Foto: M. Neitzke

Die Beine sind einheitlich schwarz gefärbt. Ein Merkmal, das für die ganze Gattung „Merodon“ charakteristisch ist, ist die starke Verdickung der Hinterschenkel. Die Arten dieser Gattung werden daher oft auch als „Schenkelfliegen“ bezeichnet.[1, 7] Die Schienen der Hinterbeine weisen an ihrer Unterseite einen zahnartigen, stumpfe, Höcker auf. Die Flügel sind durchsichtig grau mit braunen Adern.[7]


Die verdickten Hinterschenkel der Narzissenschwebfliege (Merodon equestris) sind ein wichtiges Merkmal der ganzen Gattung. Foto: M. Neitzke

Lebensweise:


Die Narzissenschwebfliege fliegt von Mai bis August. Der Höhepunkt der Flugzeit liegt im Mai und Juni. Die Paarung findet in den Monaten Mai bis Juli. Bei der Paarung verhalten sich die Männchen sehr aggressiv und wollen sich mit allem paaren was auch nur entfernt einem Weiblich ähnelt, einschließlich Hummeln und anderen Männchen. Dier erwachsenen Tiere können auch oft bei einer kurzen Rast auf einem Pflanzenblatt beobachtet werden.[7, 8]


Ein Männchen der Farbvariante Merodon equestris var. flavicans mit rostrot behaarter Brustoberseite und einfarbig weißlichen Hinterleib paart sich mit einem einfarbig schwarzen Weibchen. Foto: M. Neitzke

Die erwachsenen Tiere ernähren sich von Nektar und Pollen. Neben Pflanzenarten, die ihren Nektar offen darbieten, wie die weit überwiegende Anzahl der Arten der Doldenblütler (Apiaceae), werden auch Arten mit kurzen Röhren, wie verschiedene Korbblüten (Asteraceae)- aber auch Lippenblütengewächse (Lamiaceae) aufgesucht. Besonders häufig ist sie auf den Blüten des Blutroten Storchschnabels (Geranium sanguineum) und des Waldstorchschnabels (Geranium sylvaticum) zu beobachten.[3, 7]


Um sich mit Nektar zu versorgen sucht die Narzissenschwebfliege (Merodon equestris) sowohl Blüten mit offen dargebotenem Nektar, wie beispielsweise die Blüten des Giersch (Aegopodium podagraria, links) als auch Blüten mit kurzen Blütenkronröhren wie den Gewöhnlichen Thymian (Thymus vulgaris, rechts) auf. Fotos: M. Neitzke


In den Blüten des Blutroten Storchschnabels (Geranium sanguineum) nutzt die Narzissenschwebfliege (Merodon equestris) sowohl den Nektar (links) als auch den Pollen (rechts). Foto: M. Neitzke


Die „Saftdecke“ die in den Blüten des Wald-Storchschnabels (Geranium sylvaticum) den Nektar, der an der Basis der 5 äußeren Staubblätter von Nektardrüsen abgeschieden wird, vor Regen schützen soll, stellt für die Narzissenschwebfliege kein Hindernis für den Zugang zum Nektar dar.[3] Fotos: M. Neitzke

Während die erwachsenen Tiere bei ihrer Nahrungssuche durch die Übertragung von Pollen einen Beitrag zur Bestäubung der von ihnen besuchten Pflanzen leisten, beeinträchtigen die Larven die Pflanzen, in denen sie ihre Entwicklung vollziehen, beträchtlich. Die Larven entwickeln sich nämlich in den Zwiebeln zahlreicher Zwiebelgewächse. Auffallend ist die hohe Anzahl an Arten aus der Familie der Amaryllidaceae, wie die zahlreichen Narzissenarten, die bevorzugt von ihnen befallen werden, das Schneeglöckchen (Galanthus nivalis) und der Märzenbecher (Leucojum spec.).[8] Die Zwiebeln der Arten aus der Familie der Amaryllidaceen zeichnen sich nämlich durch hohe Gehalte giftig wirkender Alkaloide wie z.B. Lycorin, Galanthamin und Haemanthamin aus. Die Produktion von für Mensch und Tiere giftigen Alkaloiden wurde innerhalb der Familie der Amaryllidaceen als sehr wirkungsvolle Verteidigungsstrategie gegenüber Fressfeinden und Krankheitsbefall entwickelt.[3] Die Larven der Narzissenschwebfliege haben offenbar im Laufe ihrer Evolution Resistenzmechanismen gegenüber den giftigen Alkaloiden entwickelt, die es ihnen ermöglichen eine besondere Nahrungsnische zu erschließen. Aber auch die Zwiebeln von Arten aus anderen Pflanzenfamilien werden befallen, so z. B. die Zwiebeln des Blausterns (Scilla spec.), des Hasenglöckchen (Hyacinthoides spec.), der Hyazinthe (Hyacinthus spec.) und der Traubenhyazinthe (Muscari spec.) aus der Familie der Spargelgewächse (Asparagaceae), die Zwiebeln des Krokus (Crocus spec.) aus der Familie der Schwertliliengewächse (Iridaceae) und relativ selten auch die Zwiebeln von Tulpen (Tulipa spec.) aus der Familie der Liliengewächse (Liliaceae).[8] Ihre Bevorzugung von Zwiebeln der verschiedenen Narzissenarten hat auch zu ihrem deutschen Namen „Große Narzissenschwebfliege“ geführt hat.  

Die Larven ernähren sich von Zwiebelgewächsen, vor allem Narzissenarten. Im Uhrzeigersinn: Schneeglöckchen (Galanthus nivalis), Armenische Traubenhyazinthe (Muscari armeniacum), Atlantisches Hasenglöckchen (Hyacinthoides non-scripta), Märzenbecher (Leucojum vernum), Zweiblättriger Blaustern (Scilla bifolia), Gelbe Narzisse (Narcissus pseudonarcissus L.), Wilde Tulpe (Tulipa sylvestris). Fotos: M. Neitzke

Die Eier werden auf einem Blatt in Bodennähe oder auf der Blumenzwiebel direkt abgelegt. Die Larven schlüpfen nach 10-15 Tagen. Die frisch geschlüpften Larven unterscheiden sich deutlich von dem Aussehen späterer Stadien. Sie dringen durch die dünne Basis in die Zwiebel ein und beginnen zu fressen. Die Larven sind in ihrem Körperbau ihrer Ernährungsweise angepasst. Mit Hilfe kräftiger auf der Rückenseite des Körpers angeordneter Chitindörnchen zerstören die Larven das pflanzliche Gewebe, um die austretenden Säfte als Nahrung aufzunehmen.[1] Normalerweise findet sich eine Larve pro Zwiebel. Eine Larve kann aber auch zu einer anderen Zwiebel wandern, wenn das Futter aufgebraucht ist und die Zwiebeln eng genug nebeneinander wachsen. Das Larvenstadium dauert etwa 300 Tage. Die Larven verlassen die Zwiebeln im zeitigen Frühjahr, graben sich durch den Boden und verpuppen sich an oder dicht unter der Bodenoberfläche. Das Puppenstadium dauert etwa 35-40 Tage. Die beobachtete Lebensdauer beträgt für Weibchen 5-24 Tage und für Männchen 6-18 Tage. Es gibt nur eine Generation pro Jahr und die Art überwintert als Larve innerhalb der Zwiebel.[7, 8] 


Verbreitung:


Die Große Narzissenschwebfliege kommt in fast ganz Europa, Nordafrika, und Nordamerika vor. In Mitteleuropa ist sie stellenweise sehr häufig. Als Folge des weltweiten Handels mit Blumenzwiebeln hat dich diese Art inzwischen fast weltweit verbreitet.[2, 7]



Lebensräume:


Man trifft sie vor allem Parkanlagen, Gärten und Siedlungen, seltener auf Grasland oder an Waldrändern. Sie bevorzugt sonnige Stellen.[5, 7]

Literatur:


  1. Bastian, O. (1986): Schwebfliegen, Neue Brehm-Bücherei, Band 576, Ziemsen, Wittenberg.
  2. https://arthropodafotos.de
  3. https://www.biodiversität-und-schönheit.de/Pflanzenvielfalt
  4. https://www.insektenbox.de
  5. https://www.insekten-sachsen.de
  6. https://www.natur-in-nrw.de
  7. Kormann, K. (2002): Schwebfliegen und Blasenkopffliegen Mitteleuropas. Fauna Naturführer Band 1, Fauna Verlag, Nottuln, 270 S.
  8. Sivell, O. & L. M. Crowley (2024): The genome sequence of hoverfly, Merodon equestris (Fabricius, 1794). Wellcome Open Research 2024, https://doi.org/10.12688/wellcomeopenres.20654.1